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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Wechselbad der Gefühle - eine kleine Beichte


Sharana
09.08.2004, 00:42
Ich war gestern auf der Hochzeit meines Cousins. Wir sind als Kinder quasi gemeinsam aufgewachsen, aber mit dem Erwachsen werden haben wir uns aus den Augen verloren und sind uns sehr fremd geworden. Er hat einen völlig anderer Lebensweg eingeschlagen wie ich und alles an diesem Lebensweg ist mir sehr fremd. Ich glaube unterschiedlicher kann man nicht sein. Zwischen seiner Schwester und mir ist es sehr ähnlich. Sie ist auch noch gleich alt wie ich und wir waren früher wie Schwestern, heute sehen wir uns nur noch alle paar Jahre und haben sonst nichts miteinander zu tun. Zu ihren Eltern habe ich noch Kontakt, aber als ich da gestern war, wusste ich eigentlich überhaupt nicht, was ich da wollte, warum ich da hin gefahren bin. Ich denke der Hauptgrund war wohl, weil auch zwei andere Cousins von uns da waren und mein Onkel, die ich allesamt sehr gerne mag. Als mir das bewusst wurde, habe ich mich erst mal ziemlich geschämt.

Als wir dann in der Kirche waren, merkte ich, wie ich in Gedanken ständig an den Worten des Pfarrers rumkritisiert habe. Meine Familie ist sehr katholisch und ich habe mich vor einigen Monaten, vielleicht auch schon Jahren immer mehr von dieser Religion distanziert, weil es einfach nicht mehr meine ist. Ich gehe mittlerweile einen anderen Weg. Seltsamer Weise kann ich mich sogar mit wildfremden Menschen besser darüber unterhalten als mit meiner Familie. Und während ich mich sogar mit katholischen Theologen bestens unterhalten kann, übe ich an meiner Familie unglaublich viel Kritik (nicht unbedingt ausgesprochen, aber innerlich). Das ist mir gestern bewusst geworden. Überhaupt waren diese zwei Stunden in der Kirche ein pures Wechselbad der Gefühle. Mir wurden plötzlich soo viel Eigenschaften an mir bewusst, die ich bisher nie bewusst wahrgenommen habe, oder vielleicht auch einfach verdrängt hatte. Ich sah meinen Cousin zum ersten Mal mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter und es bot ein völlig anderes Bild als ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte ihm unrecht getan und eine vorschnelles Urteil auf Grund irgendwelcher Erzählungen gebildet. Ich habe genau das gemacht, was mich an anderen immer stört.

Ich, die immer predigt, dass jeder seinen Weg gehen muss und dass Wahrheit für jeden etwas anderes ist, habe gemerkt, wie wenige ich diese Grundsätze für mich gelten lasse. Für einen Moment hätte ich heulen können ... dann habe ich mich konzentriert, habe die Göttin und den Gott beten mir zu helfen und habe die kleine Familie gesegnet und versprochen ihnen von nun an eine faire Chance zu geben. Aber ich merke, dass ich mich da gar nicht so leicht tue. Ich war erst mal ziemlich fassungslos über diese Erkenntnis und dann enttäuscht von mir, vielleicht auch ein bisschen wütend auf mich. Ich denke ich muss noch sehr viel an mir arbeiten. *seufz*

Zumindest glaube ich jetzt zu wissen, wieso ich auf diese Hochzeit gegangen bin. Da ich darüber irgendwie noch nicht sprechen kann, musste ich das jetzt einfach mal aufschreiben. Danke fürs Zuhören!

Liebe Grüße, Sharana

black crow
09.08.2004, 07:11
Liebe Sharana!

Deine Erkenntnisse sind "Geschenke" auf Deinem Entwicklungsweg.
Ich glaube dass der eine oder andere das Ganze sehr gut nachvollziehen kann. Ich zumindest kenne diese Dinge auch.
Man beginnt dann über die eigenen Grundsätze nachzudenken und nimmt sich selber wieder bewußter wahr. ( Vor allem nimmt man wahr, inwieweit sich die eigenen Anschauungen und Grundsätze im eigenen Leben als Wirklichkeit darstellen)
Obwohl ich mich schon lange mit dem inneren Entwicklungsweg beschäftige kommt es bei mir auch immer wieder zu ähnlichen Erlebnissen...

( aber es zeigt ja immerhin von Ent-wicklung, wenn Dir solche Unstimmigkeiten auffallen - ich würde es als positiv sehen...)

LG
black crow

StarFire
09.08.2004, 10:33
Hi Sharana!

Willkommen im Club :P

Mir geht es da kaum anders. Ich habe halt ein Bild im Kopf und Leute in Schubladen gesteckt - auch wenn mir das nicht bewußt aufgefallen ist. Irgendwann merke ich es dann und dann entschuldige ich mich (im Geiste oder auch mal wörtlich, wenn es der Person nicht weh tut).

Habe auch einige Verwandte, mit denen ich gar nicht kann, weil sie mir fremd (geworden) sind. Auch wenn wir uns früher sehr nahe waren. Das soetwas öfters vorkommt habe ich inzwischen akzeptiert auch wenn es mir manchmal immer noch schwerfällt alte Gedanken- und Verhaltensmuster loszulassen.

Jedenfalls brauchst Du deswegen kein schlechtes Gewissen zu haben. Das passiert vielen Leuten. Du solltest eher stolz drauf sein, daß Du es gemerkt und korrigiert hast.


StarFire

Silverlight
09.08.2004, 11:49
Hallo liebe Sharana,

danke für deine offene Erzählung. Hab`s mit viel Spannung gelesen. Auch ich kenn das und erlebe das immer wieder (zur Zeit mit unseren neuen Nachbarn auf dem Schafberg:-), denn Verwandte hab ich kaum mehr (sind schon fast alle gestorben).
Für mich klingt es so, als hättest du ein Stück Hochzeit mit dir selbst gefeiert und einen Teil in dir mit dem Rest von dir vermählt/ vereint.....

Finde ich ganz wunderbar.

Alles Liebe
Silverlight :)

Sharana
09.08.2004, 13:16
Hallo Ihr Lieben,

vielen Dank für Eure lieben Worte. Das tut gut!! Jetzt hoffe ich, dass ich die Erkenntnis auch umsetzen kann. Alte Denk- und Verhaltensweisen umzuwandeln ist ja nicht ganz leicht. Aber ich will es versuchen. Auf jeden Fall tut es sehr gut zu hören, dass ich damit nicht alleine bin! Der Weg ist wohl noch lang, aber es ist schön, dass Ihr mich begleitet! Vielen, vielen Dank! Vermutlich werde ich noch einige Zeit brauchen, bis ich das alles ganz verstehe, was da am Samstag passiert ist, die Formulierung, dass ich ein Stück weit Hochzeit mit mir selbst gefeiert habe, gefällt mir. Da ist wohl was dran! Mal sehen, was jetzt in den Flitterwochen passiert!

Ich bin echt froh, dass es Euch alle gibt! Dank!

Liebe Grüße, Sharana

Merle
09.08.2004, 13:57
Liebe Sabine!

Wer ist schon perfekt?
Ich denke, solange einem selbst die eigenen Unzulänglichkeiten auffallen ist nichts verloren. Und es ist nie zu spät an sich selber zu arbeiten. Diese Hochzeit hilft Dir auf einen neuen Weg und wie ich Dich einschätze wirst Du ihn gehen. Vielleicht nicht immer gerade aus, aber auch Umwege haben ihren Sinn.
Du bist schon ganz ok!

Und viel Spaß in den Flitterwochen!

LG Bettina

dodo
09.08.2004, 18:05
Liebe Sharana,

es ist schon deine Worte zu lesen, denn man erkennt so vieles wieder.

Solche Erkenntnisse gehören zu unserem Weg und führt uns immer weiter,
mit der Bestätigung den richtigen Weg zu gehen.

Sei glücklich das du diese Erfahrungen machen darfst und freue dich
auf das was noch vor dir liegt.

Liebe Grüße Dorina

Beate
10.08.2004, 17:43
Liebe Sabine,

mir ging es mit einer Freundin auch so. Wir haben uns früher total oft getroffen, dann hat sie geheiratet und Kinder bekommen. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen, waren uns fremd. Das war vor ungefähr 4 Jahren. Im Juli hatten wir auf Grund einer gemeinsamen Freundin einen Geburtstag geplant und den Tag zusammen verbracht. Jetzt können wir komischerweise wieder miteinander. Es war ein supertoller Tag wir haben uns so verstanden als wären keine 4 Jahre dazwischen gewesen, scheinbar haben wir uns wieder aufeinander zu entwickelt.

Sei nicht so kritisch mit Dir "Wer weis denn was noch kommt"

LG Beate

Sharana
11.08.2004, 00:04
Auch Euch Dreien vielen Dank für Eure lieben Worte. Ich bin ja mal gespannt wo mich dieser Weg hinführt und vorallem ob ich es schaffe ihn auch zu gehen. Zumindest fallen mir seid dem Wochenende immer wieder Sätze und Gedanken an mir auf, die ich dann gleich versuche zu korregieren. Erkenntnis ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung, gell?

Liebe Grüße, Sharana

Beate
11.08.2004, 19:28
So is es. :D Vielen fehlt ja schon diese ...

Beate